Was ist eine Persönlichkeit?

Menschen sind häufig in Berufen beschäftigt, die ihrer Persönlichkeit entsprechen. Sag mir, was du arbeitest – und ich sag dir, wer du bist. Was ist das, die Persönlichkeit? Auf der Suche nach einer Antwort haben Psychologen in den USA Wörterbücher gewälzt und all die Begriffe notiert, die ausdrücken, wie Menschen sich im Denken, Fühlen und Verhalten unterscheiden. Jemand ist aufbrausend, jemand ist freundlich, jemand ist still, jemand ist optimistisch. Tausende Begriffe fanden sie, legten sie Probanden vor, mit der Bitte um eine Selbsteinschätzung und werteten die Angaben anschließend statistisch aus. Dabei zeigte sich, dass einige der Begriffe stark zusammenhängen: Wer sich beispielsweise als gesprächig bezeichnet, ist auch lebhaft und kontaktfreudig – nicht jeder, aber auffällig viele.

Welche fünf großen Persönlichkeitszüge gibt es?

So konnten die Forschenden die unzähligen Alltagsbegriffe auf fünf große Persönlichkeitszüge verdichten.

  • Extraversion ist eine davon. Dahinter steht die Frage, ob jemand eher Energie aus dem häufigen Umgang mit anderen Menschen zieht oder sich zum Krafttanken zurückziehen muss.
  • Gewissenhaftigkeit ist ein anderer: Arbeitet jemand systematisch, zielbewusst, gründlich?
  • Offenheit: Schätzt man neue Erkenntnisse und Erfahrungen, ist man wissbegierig und kreativ oder hält man sich lieber an das Bewährte und Bestehende?
  • Verträglichkeit: Sucht man eher die Kooperation mit anderen oder den Wettstreit mit ihnen?
  • Neurotizismus: Erlebt man schnell Stress, Nervosität oder Angst oder ruht man in sich?

Was prägt unsere Persönlichkeitsstruktur?

Lange gingen Psychologinnen und Psychologen davon aus, dass unsere Persönlichkeit irgendwann im frühen Erwachsenenalter ausgeformt ist und dann feststeht wie eine Statue. Wer einmal gesellig ist, bleibt gesellig. Wer chaotisch ist, chaotisch. Doch seit einigen Jahren gerät die Vorstellung ins Wanken. Wir ändern uns das ganze Leben hindurch, nicht radikal, nicht um 180 Grad, aber in durchaus spürbaren Nuancen. Unsere Persönlichkeit ist nicht in Stein gemeißelt, sie ist formbar wie Ton. Erstaunlich ist dabei, was unsere Persönlichkeit prägt. Die große Liebe, die Geburt eines Kindes, eine Trennung? Gar nicht mal so sehr. Es sind weniger die Ereignisse, die uns im Privaten bedeutsam erscheinen – es ist vor allem der Job, der unser Wesen knetet und biegt und formt.

Im Beruf ist die Rollenanforderung´oft klarer als im Privaten – und Verstöße werden eher sanktioniert. Im Büro oder an der Werkbank herrschen klare Erwartungen: Der Chef oder die Chefin sind weniger nachsichtig, wenn wir unsere Launen an Geschäftspartnern auslassen oder dauernd Unterlagen verlieren. Menschen werden mit dem Berufseinstieg tendenziell sozial, umgänglicher und extrovertierter – und vor allem gewissenhafter. Mit dem Renteneintritt setzt dann das ein, was die Psychologie den Dolche-Vita-Effekt getauft hat: Die Gewissenhaftigkeit lässt mach, man lässt es wieder lockerer angehen.

Wie prägt ein Beruf die Menschen?

Etwas extrovertierter, etwas verträglicher, vor allem gewissenhafter: Das ist nur das grobe Bild dessen, wie das Berufsleben uns verändert, breit über alle Tätigkeiten hinweg gepinselt. Je nach Job kann die berufliche Einstellung sehr unterschiedlich ausfallen – und mit Persönlichkeitszügen, mit denen man in vielen Bereichen des Arbeitslebens vielleicht bald als Kotzbrocken verschrien wäre, würde man in anderen willkommen geheißen. Etwa in der Armee. Angehörige der Streitkräfte kommen bei dem, was die Psychologie als Verträglichkeit bezeichnet, im Schnitt auf einen niedrigen Wert. Sie sind weniger hilfsbereit, weniger nachsichtig und weniger mitfühlend. Und offenbar trägt ihr Job dazu bei, dass sie es bleiben.

Die Wehrdienstverweigerer wurden von Mal zu Mal verträglicher, so wie das Berufsleben die Ecken und Kanten im zwischenmenschlichen Umgang abschleift. Die jungen Männer, die sich für die Bundeswehr entschieden hatten, wurden zwar mit der Zeit auch umgänglicher, aber längst nicht so sehr wie die Verweigerer. Sie bewahrten sich offenbar eine gewisse Ruppigkeit. Was in ihrem Job ja sogar von Vorteil sein kann: Im Kampf zahlt es sich nicht unbedingt aus, wenn man den Gegner erst einmal zu einer Tasse Tee einlädt.

Das Soldatentum ist ein gutes Beispiel für einen stark prägenden Beruf. Eben, weil er so umfassend ist. Nach Feierabend fährt man nicht heim wie in anderen Jobs, man bleibt in der Kaserne, die Kameradschaften gehen über den Dienst hinaus. Einen besonders großen Einfluss auf die Persönlichkeit haben vermutlich all die Berufe, um die herum es eine abgeschlossene Community gibt. Berufe also, deren Angehörige auch über die Arbeit hinaus viel Kontakt miteinander haben und die sich stark mit ihrer Tätigkeit identifizieren.

Gibt es für jedes Temperament die passende Tätigkeit?

Gibt es für jedes noch so verschrobene Naturell eine Nische, in der es reüssieren kann? Dafür legten die Forscher den Persönlichkeitstest zusätzlich zwei Berufsberatern der Arbeitsagentur vor. Sie sollten ihn für 176 Jobs so ankreuzen, wie es der ideale Kandidat oder die ideale Kandidatin ihrer Meinung nach täte. Der ideale Soldat hätte die Kreuzchen demnach tatsächlich so gesetzt, dass er besonders wenig Punkte für Verträglichkeit erzielt hätte; bei einer guten Priesterin wären es nach Meinung der Berufsberater dagegen besonders viele. Der ideale Buchhalter wäre eher introvertiert, zu viel Kontaktfreude könnte ja hinderlich sein, wenn man stundenlang konzentriert über Tabellen brüten soll. Gewissenhaftigkeit dürfte in sehr vielen Jobs wünschenswert sein, man mag sich schwer eine Tätigkeit vorstellen, für die ein schlampiger Faulpelz die Idealbesetzung wäre. Und trotzdem gibt es einzelne Jobs, bei denen ein Übermaß an Gewissenhaftigkeit aus Sicht der Berufsexperten dann doch eher hinderlich ist: bei Designern etwa. Zu viel Zwanghaftigkeit und Sorgfalt könnte die wilden, kreativen Ideen ersticken.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Erfolg im Job und Persönlichkeit?

Ein Blick auf die Persönlichkeit kann eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn man Personal auswählt. Aber oft wird dabei sehr grob getestet oder ins Leere hinein. Selbst innerhalb eines Berufsfeldes gibt es ganz unterschiedliche Tätigkeitsprofile. Von einem Psychologen erwartet man vielleicht besonders viel soziale Kompetenz. Aber Psychologen arbeiten ja nicht nur als Therapeuten mit Patienten, sondern auch in anderen Bereichen, wo der Kontakt zu anderen Menschen eine untergeordnete Rolle spielt.

Ist es ein Problem, wenn man selbst anders ist als die typischen Kolleginnen und Kollegen? Wenn man dem Klischee seines Berufes nicht entspricht? Tatsächlich waren die Verkäuferinnen und Verkäufer zwar eher extrovertiert – aber für ihren Erfolg im Job spielte das keine Rolle. Vielleicht wirken zu extrovertierte Verkäufer auf Kunden sogar eher aufdringlich, vielleicht schrecken sie die eher Introvertierten sogar davon ab, einen Vertrag fürs Fitnessstudio abzuschließen.

Für manche Berufe mag es zwar ausgeprägte Persönlichkeitsstereotype geben, weit verbreitete und sehr feste Vorstellungen davon, wie Menschen in diesem Job ticken, was auf viele sogar tatsächlich zutrifft. Der störrische Soldat, die extrovertierte Friseurin, der introvertierte Programmierer – Charakterzüge mögen unser Bild von Berufen prägen. Aber ob man mit dem eigenen Charakter in diese Schablone passt, ist am Ende gar nicht immer entscheidend dafür, wie gut man die Arbeit machen kann. Persönlichkeitszüge haben zwar einen Einfluss auf den Erfolg im Job, vor allem die Gewissenhaftigkeit. Doch noch wichtiger sind Fähigkeiten und Begabungen, ihr Effekt fällt in vielen Studien sehr viel größer aus.

Und schließlich sind Jobs selten so starr, wie es oft unterstellt wird. Sie sind biegsam, sind eher wie Ton als Granit. Nicht nur die Persönlichkeit lässt sich kneten und den Anforderungen der Arbeit anpassen. Auch das Tätigkeitsspektrum können sich viele Beschäftigte durchaus zurechtformen, für sie passend schneidern wie einen Maßanzug, in gewissen Grenzen zumindest. Wenn die Persönlichkeit auf den ersten Blick nicht zum Job passt, ist das kein Verhängnis, weil man den Job oft nach seinen Bedürfnissen modellieren kann.