Was ist Gruppenfertigung?

Beim Fertigungsverfahren der Gruppenfertigung werden diejenigen Bearbeitungsstationen räumlich und organisatorisch zusammengefasst, die zur möglichst kompletten Bearbeitung einer Objektklasse technisch erforderlich sind. Die Bearbeitungsobjekte durchlaufen die Stationen jedoch in jeweils unterschiedlicher Abfolge.

Den verschiedenen Formen der Gruppenfertigung ist gemeinsam, dass eine Gruppe von Fertigungsanlagen (Werkzeugmaschinen) organisatorisch und räumlich zusammengefasst wird, um eine Teilefamilie komplett herzustellen. Einer Teilefamilie gehören Teile an, die hinsichtlich festgelegter Merkmale ähnlich sind (Familienähnlichkeit), wobei die Ähnlichkeit der Teile sich hier auf die fertigungstechnischen Anforderungen an die Fertigungsanlagen bezieht.

Gruppenfertigung DefinitionEs werden Teilefamilien gebildet, um in der Fertigung wirtschaftlicher arbeiten zu können. Ein Grund dafür kann z. B. sein, dass der Rüstaufwand bei einem Wechsel zwischen Teilen einer Familie auf einer Maschine, die speziell für diese Teilefamilien mit Vorrichtungen ausgestattet ist, wesentlich geringer ist als bei einer Universalmaschine, die für ein viel breiteres Teilespektrum eingesetzt wird.

Welche Formen der Gruppenfertigung gibt es?

Das Grundelement der flexibel automatisierten Fertigung ist die numerische Steuerung (NC = Numerical Control), die die manuelle Maschinenbedienung durch ein numerisch kodiertes Ablaufschema, das automatisch abgearbeitet wird, ablöst, Nachfolgend stellen wir die charakteristischen Merkmale der verschiedenen Formender Gruppenfertigung kurz vor.

Bearbeitungszentrum

Bei einem Bearbeitungszentrum (BAZ) werden zusätzlich zum eigentlichen Bearbeitungsvorgang auch das Wechseln der Werkzeuge und das Wechseln der Werkstücke automatisiert und durch eine entsprechende Programmlogik gesteuert. Von einem Bearbeitungszentrum können unterschiedliche Bearbeitungsarten (z. B. drehen, bohren, fräsen ) nacheinander automatisch ausgeführt werden.

Man spricht dann auch von einem Dreh-, Bohr- und Fräszentrum. Der notwendige Werkzeugwechsel, ein eventuelles Umspannen des Werkstücks sowie die Zu- und Abfuhr der Werkstücke erfolgen hierbei ebenso wie die Bearbeitungsprozesse selbst programmgesteuert.

Flexible Fertigungszelle

Die nächsthöhere Stufe der komplexen Automatisierung stellt die flexible Fertigungszelle (FFZ)  dar. Sie ist ebenso wie das BAZ ein einstufiges Fertigungssystem. Die FFZ unterscheidet sich vom BAZ dadurch, dass auch die logistischen Prozesse der Werkstückzufuhr, des Werkstücktransports und der Werkstücklagerung durchgängig automatisiert sind. Insbesondere ist ein Werkstückspeicher mit größerer Kapazität außerhalb des BAZ angeordnet.

Flexibles Fertigungssystem

Ein flexibles Fertigungssystem (FFS) besteht – als mehrstufiges Fertigungssystem – aus mehreren Bearbeitungszentren, die durch Außenverkettung miteinander verbunden sind. Die Außenverkettung kann beispielsweise durch ein fahrerloses Transportsystem (FTS) realisiert werden, bei dem die Fahrzeuge entlang von Induktionsschleifen im Werksboden in beliebiger Folge zwischen den Bearbeitungszentren verkehren.

Fertigungsinsel als Art der Gruppenfertigung

In einer Fertigungsinsel werden diejenigen Maschinen zu einer fertigungsorganisatorischen Einheit zusammengefasst, die zur Komplettbearbeitung eines definierten Teilespektrums benötigt werden. Die Bezeichnung Insel macht bildhaft deutlich, dass die Teile während ihrer Bearbeitung in einem überschaubaren und räumlich abgegrenzten Bereich verbleiben und diesen nur ausnahmsweise verlassen. Eine Fertigungsinsel ist gekennzeichnet durch

  • eine möglichst komplette Herstellung von Bearbeitungsobjekten eines definierten Teilespektrums (Teilefamilie),
  • räumliche und organisatorische Zusammenfassung der hierfür benötigten Betriebsmittel,
  • weitgehende Selbstorganisation des Fertigungsablaufs innerhalb der Insel,
  • Integration fertigungsvorbereitender und fertigungsbegleitender Aufgaben in die Fertigungsinsel sowie
  • Kostenverantwortung.

Die Fertigungsinsel verbindet Vorteile der Werkstattfertigung (Flexibilität, Eignung für Kleinserien) mit Vorteilen der Fließfertigung (transparenter gerichteter Materialfluss mit kurzen Transportwegen, kurze Durchlaufzeiten, geringe Kapitalbindung in Umlaufbeständen), ohne dafür die jeweiligen Nachteile dieser beiden Organisationsformen in Kauf nehmen zu müssen.

Fertigungssegment

Während die Fertigungsinsel auf eine bestimmte Teilefamilie ausgerichtet ist, die keine marktfähigen Produkte beinhalten muss, ist für das Fertigungssegment die Ausrichtung auf ein marktfähiges Produkt charakterisierend. Das Konzept der Objektorientierung der Produktion schließt im Falle des Fertigungssegmentes den Markt als Objektdimension mit ein.

Ziel der Bildung von Fertigungssegmenten ist die ganzheitliche und kundenorientierte Gestaltung des betrieblichen Wertschöpfungsprozesses. Soweit unterschiedliche Kundengruppen mit spezifischen Anforderungen ins Auge gefasst werden, sind dementsprechend mehrere Fertigungssegmente zu bilden. Kundenorientierung hat Vorrang vor einer Zusammenfassung von Produktionsmengen zur Bildung großer Lose und Serien, wie dies in der Vergangenheit häufig der Fall war. Möglich wird dies u. a. durch den Einsatz moderner flexibler Fertigungstechnik.

Das Wichtigste zur Gruppenfertigung in Kürze

Bei der Gruppenfertigung werden durch eine objektorientierte, auf Teilefamilien ausgerichtete Organisation der Fertigung unterschiedliche aber ähnliche Teile organisatorisch zusammengefasst, sodass trotz geringer Stückzahlen je Teil große Stückzahlen je Teilefamilie zu fertigen sind.

Hierdurch wird eine objektorientierte Spezialisierung ähnlich wie bei der Fließfertigung wirtschaftlich möglich.

Aufgaben

  1. Stelle die Unterschiede heraus zwischen den folgenden Formen komplex automatisierter Fertigungssysteme: Bearbeitungszentrum (BAZ), flexible Fertigungszelle (FFZ), flexibles Fertigungssystem (FFS).
  2. Was ist eine Fertigungsinsel und worin besteht die Problematik der organisatorischen Abgrenzung einer solchen Leistungseinheit?
  3. Welche Vorteile bietet die Fertigungsinsel im Vergleich zur Werkstattfertigung?
  4. Welche Überlegungen liegen der Bildung von Fertigungssegmenten zugrunde?
  1. Ein BAZ besitzt nur einen sehr begrenzten Werkstückspeicher und kann deshalb nicht über längere Zeit autonom arbeiten. Wird ein BAZ um einen Werkstückspeicher erweitert, sprechen wir von einer FFZ, sie hat einen längeren Autonomiezeitraum. Ein flexibles Fertigungssystem schließlich verknüpft mehrere BAZ mit einem automatischen Transportsystem und stellt somit ein automatisiertes mehrstufiges Fertigungssystem dar. Das Adjektiv Flexibel weist darauf hin, dass das Transportsystem aufgrund digitaler Steuerung sehr unterschiedliche Fertigungsabläufe zu unterstützen vermag.
  2. Eine Fertigungsinsel ist eine organisatorische Fertigungseinheit, in der maschinelle Technologien und personelle Kompetenzen so zusammengefasst werden, dass ein definiertes Teilespektrum komplett hergestellt werden kann ohne die Fertigungsinsel zu verlassen. Die Problematik der organisatorischen Abgrenzung ist in einem Henne/Ei-Problem zu sehen. Wenn zuerst das herzustellende Teilespektrum festgelegt wird, resultieren hieraus die benötigten Technologien und Kompetenzen. Werden umgekehrt erst bestimmte Kompetenzen und Technologien zu einer Einheit zusammengefasst, wird hiermit gleichzeitig das Teilespektrum festgelegt. Da sehr unterschiedliche Abgrenzungen von Teilespektrum und Fertigungsinsel möglich sind, liegt hierin ein Optimierungsproblem.
  3. Wesentliche Vorteile der Fertigungsinsel liegen in ihrer Überschaubarkeit, die eine Koordination der Abläufe erleichtert (Fertigung auf Sicht). Kurze Transportwege und Durchlaufzeiten mit entsprechend geringeren Umlaufbeständen, die Spezialisierung auf ein begrenztes Teilespektrum sowie die autonome interne Steuerung machen die Fertigungsinsel im Vergleich zur Werkstatt flexibler. Die Arbeitsgruppe der Fertigungsinsel besitzt Kompetenz (autonome interne Steuerung) und Verantwortung für die Leistung der Fertigungsinsel: Durchlaufzeiten, Maschinenverfügbarkeit und -auslastung, Termintreue, Kosten. Dies wird auch dadurch erreicht, dass indirekte Aufgaben der Fertigung (Arbeitsvorbereitung, Terminplanung, Maschinenwartung, Werkzeugverwaltung) in die Insel integriert werden. Die Fertigungsinsel regelt die Verantwortlichkeiten somit wesentlich klarer als dies in der Werkstattfertigung möglich ist, wo jeder nur für einen Teilschritt der Produktion verantwortlich ist.
  4. Fertigungssegmente sind auf eine spezifische Produkt/Marktkombination gerichtet und umfassen alle Aktivitäten, die zur Erbringung einer definierten marktfähigen Leistung erforderlich sind. Hierdurch wird eine Einheit gebildet, die sich an den Anforderungen der Kunden im Zielmarkt orientieren können. Das Fertigungssegment ist also eine im Wettbewerb fokussierte Leistungseinheit.

Literaturhinweise

  1. Steinbuch, Pitter (1999): Fertigungswirtschaft, Ludwigshafen 1999.